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Musik berührt

Wie Musik unsere Wahrnehmung von Berührung verändert, untersuchten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Musik berührt |

Musik ist allen Kulturen der Erde verbreitet, und die meisten Menschen sind sich darüber einig, dass sie eine besondere Wirkung auf die Musizierenden, aber auch deren Zuhörer hat. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchten in einer aktuellen Studie nun, wie sich durch Musik auch unsere Wahrnehmung von körperlichem Kontakt verändert. Die überraschende Erkenntnis: Offenbar berührt Musik nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne.

Standardisierte Streicheleinheiten

Im Rahmen eines Laborexperiments erlebten Versuchspersonen Inkognito-Berührungen: Sie streckten ihren Unterarm durch einen Vorhang, hinter dem sie ein Roboter mit einem Pinsel in genau kontrollierten Bewegungen streichelte. Gleichzeitig hörten die Teilnehmer verschiedene Musikstücke, die sie im Anschluss auf einer Skala von „überhaupt nicht sexy“ bis „extrem sexy“ bewerteten.

Eindeutige Transfereffekte

Es zeigte sich, dass die Streicheleinheiten des Roboters anders wahrgenommen wurden, je nachdem, welche Musik gerade gespielt wurde: Je betörender die Probanden die Musik empfanden, desto sinnlicher und verführerischer erschien ihnen auch die Berührung. Dieser Effekt trat auch ein, wenn die Versuchsteilnehmer wussten, dass sie nicht von einem Menschen, sondern von einem Roboter gestreichelt wurden. Anscheinend beruhten die beobachteten Transfereffekte auf sehr basalen Mechanismen – und nicht etwa auf der Vorstellung, von einer anderen Person, die der gleichen verführerischen Musik lauscht, berührt zu werden.

Evolutionäre Bedeutung?

Ähnliche Transfereffekte, bei denen sich Sinneswahrnehmungen durch den Einfluss von Musik verändern, wurden bereits für andere Bereiche festgestellt. So entscheiden sich Menschen etwa für sattere, leuchtendere Farben, wenn sie während des Auswahlprozesses lauter Musik ausgesetzt sind.

Mit Blick auf ihre Ergebnisse betonen die Wissenschaftler die evolutionäre Bedeutung von Musik als sozialer Technologie: Sie könne unser Verhalten in Gruppen und letztlich sogar potenziell unsere sexuelle Selektion und Fortpflanzung lenken. Damit widersprechen die Forscher der Hypothese des Kognitionswissenschaftlers Steven Pinker, nach der Musik aus evolutionärer Sicht von geringer Bedeutung und nicht mehr als ein Nebenprodukt von Sprache sei.

Literatur

Fritz, T., Brummerloh, B., Urquijo, M., Wegner, K., Reimer, E.; Gutekunst, S. et al. (2017). Blame it on the bossa nova: Transfer of perceived sexiness from music to touch [Abstract]. Journal of Experimental Psychology. General, 146 (9), 1360–1365.

4. Oktober 2017
Quelle: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Symbolfoto: © mavoimages – Fotolia.com

 

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